Zur Kunst

Warum ich male?

Ich male, weil ich noch kein besseres Mittel gegen Vergänglichkeit und Sterblichkeit gefunden habe.

 

Was ist Kunst für mich?

Kunst ist eine Form, Flügelschläge der Seele in eigenARTigen Farb-Raum-Kompositionen sichtbar werden zu lassen.

 

Welche Aufgabe hat die Kunst?

Kunst kann nicht die Realität darstellen, obwohl sie aus der Wirklichkeit heraus geschaffen wird. Kunst hat die Aufgabe eine neue unvergängliche Wirklichkeit zu schaffen.

Kunst hat aber auch die Aufgabe das Gedächtnis der Menschheit zu sein un die Menschlichkeit, aber auch die Unmenschlichkeit zu bewahren.

 

 

 

„Wenn der Mond zu einem Gefangenen der Wolken wird“

Gedanken zur Ausstellung „Sinnonimm“

Fetzige Wolkengebilde umstreichen die von der versunkenen Sonne hell angestrahlten Vollmondscheibe, lassen sie kurzzeitig verschwinden, durch Lücken hindurch leuchten. Die nachtschwarzen Wolkenränder silber erglänzen. Gelbmattes Licht und schwarzgraue Schatten am fahlfarbenen Firmament malen ständig verändernde und wandelbare Figuren. Jetzt zeichnet sich eine wieder genauer ab: eine mir bekannte Form, Kopf und Rumpf, gestreckte und gebeugte  Gliedmaßen...

Ist das die zum Mondsymbol gewordene dreibeinige chinesische Kröte (Ha-ma), von der man annahm, dass sie unerreichbare Wünsche versinnbildlichen könne, da man glaubte, dass sie den Mond verschlingen könnte. Nach einer Tradition ist sie die verwandelte Frau Ch-ang-Ngo. Die ihrem göttlichen Mann den Becher mit dem „Tau der Unsterblichkeit“ stahl und in den Mond flog, wo sie zur Kröte wurde? (Eine kontemplative visuelle Erfahrung beim Betrachten des Nachthimmels verbunden mit einer Geschichte aus der fernöstlichen Mythologie)

Seit 16 Jahren nunmehr findet meine Beschäftigung mit der Form der überfahrenen Anure ihren Ausdruck in Bildfindungen. 1995 malte ich nach dem Auffinden und der anschließenden Mitnahme einer auf dem gewärmten Gäubodenasphalt entdeckten getrockneten Froschmumie eine vier Ölbilder umfassende Reihe. Danach entstanden einige Objektkästen und Objektbilder mit Fröschen und Fliegen. Die bildnerische Auseinandersetzung mit dem getrockneten Froschleichnam verdichtete sich immer mehr und hält bis heute ungemindert an.

Ich frage mich oft genug: Was trägt mich und diese bildnerische Auseinandersetzung mit der platten Figur eines in der Bibel als unrein bezeichneten Tieres, das bei den Mitmenschen mehr Ekel als ästhetisches Empfinden hervorruft?

„Frosch und Kröte gehören zu den ältesten Symboltieren. Fast alle Kulturen haben sich mit ihnen beschäftigt, sie vielfach mit mythologischen, zuweilen phantastischen Zügen versehen und in religiöse Ausdeutungen gleichsam eingehüllt.“ (Jutta Failing, Frosch und Kröte als Symbolgestalten in der kirchlichen Kunst). Eine wichtige Grundlage ist sicherlich das Interesse an der Philosophie und an der Religiosität, weniger im Sinne von „religari“ (an Gott gebunden sein) als vielmehr im Sinne von „relegere“ (Cicero), das in der Deutung dem „gewissenhaft beobachten“ entspricht. So führt mich das Schauen und das Denken hin zum Streben nach Erkenntnis des Wesens und des Zusammenhangs der Dinge, im Besonderen der Sinnhaftigkeit von Frosch und Kröte.

Die mumifizierte Amphibienfigur steht als Synonym für Ambivalenz und Dialektik und damit auch für Offenheit und Freiheit des Denkens. Sie deckt den  oft doppel- oder mehrwertigen Spannungsbogen zwischen abendländischer und fernöstlicher Symbolik auf. Die verschiedenen  Allegorien bewegen sich zwischen Leben, Fruchtbarkeit und Reinkarnation sowie Tod und Metamorphose, zwischen Gut und Böse, göttlich und satanistisch, Glück und Sünde, Erotik und Hässlichkeit , Fröhlichkeit und Traurigkeit, Gesundheit und Krankheit.

So gilt die Anure auch als Metapher für die Wandelbarkeit. „...diese offenbart sich in der Kulturgeschichte in mitunter höchst unterschiedlicher Gestalt: Erstens wacht der Frosch als Symbol, Generator oder Grenzposten kathartischer oder transitorischer Prozesse über alle erdenklichen, meist aber durch christliches Gedankengut ausgedeuteten Arten von Werden und Vergehen. Von diesen Rollen zu unterscheiden wären zweitens vorübergehende  Verwandlungen von Frosch und Mensch wie jene im Märchen des Froschköniges, drittens die Verschmelzungen von Frosch und Mensch zu vermeintlichen dauerhaften Mischwesen und viertens das Motiv des Frosches, der zwar anatomisch Frosch bleibt, als solcher aber eine gemeinhin einem Menschen vorbehaltene Rolle innerhalb einer menschlichen Gesellschaft bekleidet oder vergebens versucht, in die Haut einer 'höher entwickelten' Spezies zu schlüpfen.“ (Julian Blunk, Kröte und Katharsis, Frosch und König: Zur Rolle der Unken in der Kunst)

Die in der Ausstellung „Sinnonimm“ gezeigten Arbeiten können mit diesen von Blunk angeführten Aspekten in Verbindung gebracht werden. Die Auseinandersetzung mit der hier beschriebenen Thematik verhilft mir, „das Leben in einer erweiterten Form sehen zu lernen, stereotype Lebens- und Erfahrungsmuster zu verlassen und 'Seinsfühlungen' und 'Seinserfahrungen' (A. und W. Huth) zu machen, dabei das Alltagsbewusstsein zeitweise auszuschalten und einen Vorstellungsraum zu betreten, in dem es möglich ist, „die Imaginationskraft sinnvoll und kreativ einsetzen zu können“ (Martin Balle)

                                                                                                                                        

Erich Gruber